Der Vestische Jakobsweg

Altarbereich der FriedenskircheWarum den Jakobsweg bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela gehen, wenn die Pilgerwege im Pott liegen? Jedenfalls ab 2010, dem Jahr der Kulturhauptstadt im Revier. 

Mehr als 20 Gotteshäuser, die das Siegel „Verlässlich geöffnete Kirche” tragen, sind die Stationen – und zwar keineswegs katholische, wie man meinen mag. „Im Grunde genommen hat Hape Kerkeling mit seinem Buch ,Ich bin dann mal weg' die Idee geliefert”, sagt Eckard Ostrowski (68), der Kirchmeister für alle Fälle der evangelischen Friedenskirche am Schiffshebewerk. Einer für alle Menschen und neue Ideen stets offenen Kirche.

Als Ostrowski vom Pilgerplan der Ev. Kirche von Westfalen hörte, wandte er sich an den federführenden Andreas Isenburg vom evangelischen Erwachsenenbildungswerk. Und man merkt dem 68-jährigen Pensionär und „Chef-Ehrenamtlichen” förmlich an, wie stolz er darauf ist, dass „seine” kleine Kirche inmitten der engen Wohnbebauung an der Provinzialstraße jetzt auch eine Pilgerstätte ist. Es gibt auch ein Pilgerteam, dass sich um die Gäste kümmert. Allen voran Diakon und Schifferseelsorger Horst Borrieß und selbstverständlich Eckhard Ostrowski. 

Religiosität ist kein Muss

 „Man muss nicht religiös sein, um zu pilgern. Es gibt entlang der Etappen viel Baukultur zu sehen”, beruhigt der Kirchmeister schon im Vorfeld alle, die vielleicht Gebete und Predigten scheuen. Gleichwohl dies umgekehrt auch angeboten wird. Logisch. Auf Anfrage begleitet Seelsorger Horst Borrieß die Menschen auch ein Stück des Weges. Aber wie funktioniert „Pilgern im Pott”? Die Friedenskirche an der Stadtgrenze zu Waltrop ist an Werktagen vormittags (10 bis 13 Uhr) immer geöffnet. Kaffee gehört dazu. „Wenn die Pilger Frühstück oder Mittagessen haben möchten, muss dafür ein kleiner Obulus gezahlt werden”, sagt der Kirchmeister. Selbst Übernachten in Gruppen bis zehn Personen ist im Kirchraum nach entsprechender Anmeldung möglich. Schlafsack und Iso-Matte sind allerdings mitzubringen, WC und Dusche dagegen vorhanden. 

Diakon & Kirchmeister vor dem AnkerDer Anker als Zeichen für den Sitz der ev. Schiffergemeinde von Horst Borrieß (l.), hier mit Eckhard Ostrowski. 

Foto: AnsahlFoto: WAZ FotoPool 

Auch auf Pilger zu unorthodoxen Zeiten sind Ostrowski und Borrieß eingerichtet. „Wir haben ein Schloss angeschafft, dessen Öffnungs-code auf telefonische Anfrage mitgeteilt wird. Dann können die Leute 'rein, eine Pause machen und, wenn sie mögen, eine Kerze anzünden”, sagt Ostrowski. Nach jedem Besuch dieser Art wird der Code sicherheitshalber verändert. 

Einweihung im März 

Die offizielle Einweihung der gesamten Pilgerstrecke von Dinslaken bis Holzwickede findet am 21. März in Duisburg statt. Bereits am 6. März ist der erste westfälische Pilgertag. Und am 2. August heißt es: Schweigend wie ökumenisch pilgern entlang der Emscher. Das Friedenskirchen-Team wird nach Worten Ostrowskis „auf jeden Fall die zehn Kilometer lange Etappe bis zur Kreuzkirche nach Suderwich mit ihrem wunderschönen Kohle-Altar” gehen. Im Klartext-Verlag ist das Buch „Pilgern im Pott” erschienen, das Interessierten die Stationen aufzeigt, Etappenvorschläge unterbreitet, Übernachtungsmöglichkeiten und vieles mehr aufzeigt 

INFO: 20 Tagesetappen 

Vest. Im Vest können Pilger außer in der Friedenskirche in der Kreuzkirche in Recklinghausen-Suderwich und in der Gustav-Adolf-Kirche in Herten-Scherlebeck Rast machen und dabei vieles über die Geschichte der einzelnen Gotteshäuser erfahren. Die Nordroute, die in der Kirche in Holzwickede beginnt, führt an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei. So liegt etwa das LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg der Friedenskirche direkt gegenüber. 

Die Strecke führt weiter über Suderwich und durch die Südstadt, wo das Strommuseum am Stadthafen zum Besuch einlädt. In der Recklinghäuser Innenstadt gibt es die Möglichkeit zum Durchatmen in der Gastkirche, bevor es weiter nach Scherlebeck zur Gustav-Adolf-Kirche geht. Am Wasserschloss Herten vorbei führt die Pilgerstrecke nach Gelsenkirchen Buer zur geöffneten Apostelkirche. Die Nordroute endet – wie alle „Jakobswege” – an der Emschermündung, zuvor kann man in der Dorfkirche Hiesfeld einkehren.

Insgesamt 24 evangelische Kirchen liegen an den Routen, zu erreichen in 20 überschaubaren Tagesetappen mit jeweils 15 bis 20 Kilometern.